THOMAS VON AQUIN O.P., hl.,

(1224/25-7.3. 1274),

Kirchenlehrer,

 

als »doctor communis« und »doctor angelicus« gerühmter Theologe und Philosoph, beeinflußte nachhaltig bis heute Theologie und Kirche insbesondere im katholischen Bereich. - Das genaue Datum der Geburt läßt sich aufgrund widersprüchlicher Quellen nicht ermitteln. Geboren wurde Th.v. A. Ende 1224 oder Anfang 1225 im Stammsitz der Familie, dem Castello Roccasecca bei Aquino, als jüngster Sohn des Landulf von Aquin.

Der Vater gehörte dem Landadel an und verwaltete Besitzungen in der nordwestlichsten Provinz des Königreichs Sizilien. Die Mutter, Donna Theodora, war die zweite Frau Landulfs, stammte aus Neapel und war normannischer Herkunft; entgegen einigen anderslautenden Vermutungen bestand jedoch kein verwandschaftliches Verhältnis mit Kaiser Friedrich II. Die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst hatten Auswirkungen auf die Familie.

Nach Beendigung der Kämpfe um Montecassino gaben die Eltern den Fünfjährigen als Oblatus in die alte Benediktinerabtei. Gemäß der Benediktinischen Regel sollte er in das Ordensleben eingeführt werden und eine Ausbildung erhalten. Die Familie hoffte, ihn später als Abt zu sehen. Es ist fraglich, ob Th. nach Erreichen der Pubertät die Profeß abgelegt hat. 1239 brach erneut der Krieg aus. Alle außerhalb des Königreichs geborenen Mönche mußten das Kloster verlassen; von den wenigen verbleibenden konnte der Unterrichtsbetrieb nicht mehr aufrechterhalten werden.

Auf Empfehlung des Abtes und mit Einwilligung der Eltern durfte Th. wohl im Herbst 1239 in das studium generale an der Universität Neapel eintreten. Diese Universität war 1224 von Friedrich II. als Pendant zum päpstlichen Bologna gegründet worden und diente in erster Linie als Ausbildungsstätte für den Staatsdienst (Staats- und Kirchenrecht). Der junge Aquinate begann mit dem Studium der artes liberales und der Philosophie. In Neapel dozierte man zusätzlich zum üblichen Lehrangebot die aristotelische Naturphilosophie. Einer seiner Lehrer war Petrus von Hibernia, dessen Aristotelismus Th. beeinflußte, was aber später, in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre durch neuplatonische Elemente, wie sie Albertus Magnus einbrachte, ergänzt wurde. Th. lernte in Neapel wahrscheinlich auch die Metaphysik des Aristoteles zu einer Zeit kennen, als dies den Studenten der Universität zu Paris verboten war.

Zwischen 1239 und 1244 fand das Ereignis statt, daß seinen Lebensweg grundsätzlich prägen sollte: Th. lernte den Dominikanerorden kennen. Statt sich zum magister artium in Neapel zu qualifizieren trat Th. im April 1244 dem Orden bei. Die Familie war geschockt, entsprach diese Entscheidung doch in keiner Weise ihren Plänen, die zwar eine geistliche Laufbahn vorsahen, aber keine bei dem umstrittenen Armutsorden. Dem seelsorglichen Ethos und der Verpflichtung auf die evangelische Armut konnte sie im Unterschied zu Th. keinen Reiz abgewinnen. Als sich Th., der nach Paris zur weiteren Ausbildung bestimmt war, mit Ordensgeneral Johannes von Wildeshausen auf den Weg nach Bologna machte - dort sollte am 22.4. 1244 das jährliche Kapitel stattfinden - stoppte sein Bruder Rinoldo mit Soldaten Friedrichs II. die Mönche und entführte Th. zur Mutter nach Montesangiovanni, einen Familiensitz im päpstlichen Bereich. Dort und später auf Roccasecca wurde Th. über ein Jahr festgehalten.

Möglicherweise enthalten die legendarischen Verführungsszenen historische Elemente. Th. studierte in dieser Zeit die Hl. Schrift und erarbeitete sich die Sentenzen des Petrus Lombardus. Lange Zeit galten die beiden Werke De fallaciis - eine Logik für Anfänger - und De propositionibus modalibus als Jugendschriften, die in Roccasecca entstanden seien. Heute wird durchgängig ihre Echtheit bezweifelt. Im Sommer 1245 gab die Familie ihren Widerstand auf, Th. konnte zunächst nach Neapel zurückkehren - die Berichte über eine Flucht sind legendarisch.

Von Neapel über Rom gelangte Th. schließlich im Herbst des gleichen Jahres nach Paris. Für die Zeit zwischen 1245 und 1248 - bezogen jeweils auf das akademische Jahr - gehen die Meinungen über den Aufenthaltsort auseinander: Hielt sich Th. in Paris oder in Köln auf? Die Quellen bezeugen seine Sendung zu Albertus Magnus. Aufgrund verschiedener Merkmale in der Kommentierung der Nikomachischen Ethik sowie bestimmter Eigentümlichkeiten eines in der Bibliotheca Nazionale in Neapel befindlichen Thomas-Manuskriptes eines Dionysius-Kommentars Alberts geht die heutige Forschung von einem dreijährigen Aufenthalt in Paris aus. Über die Studieninhalte lassen sich nur Vermutungen anstellen. Möglicherweise verbrachte Th. zunächst das erste Jahr im Noviziat, was ihm in Neapel 1244 noch nicht möglich gewesen war.

In den beiden folgenden Jahren dürfte er, entweder an der Universität oder im Konvent, nochmals die artes studiert haben; der Besuch von Theologievorlesungen Alberts in Saint-Jacques ist denkbar, da eine Kopie des Manuskripts von De caelesti hierarchia im Pariser System von der Hand Thomas vorliegt. Sicher ist, daß Th. ab Herbst 1248 mit Albert als dessen Schüler und Assistent in Köln anzutreffen war, wo dieser den Beschluß des Generalkapitels vom 7. Juni 1248 verwirklichte, nach Paris, Bologna und Oxford das vierte studium generale zu gründen. Eventuell erlebte der junge Dominikaner an Marä Himmelfahrt die Grundsteinlegung der Kölner Doms mit. In die Kölner Zeit - sie erstreckte sich wohl bis 1252 - fiel vermutlich die Priesterweihe. Th. studierte insbesondere das Denken Alberts, er galt als ungemein fleißiger, wenn auch zurückhaltender Schüler, wie sein Spitzname »der stumme Ochse« belegt - Th. war sehr beleibt.

Über Albert lernte Th. weitere Schriften des Pseudo-Dionysius (De divinis nominibus) und vertieft Aristoteles (Nikomachische Ethik) kennen. Albert vertraute eventuell Th. als Bakkalaureus die Rolle des respondus bei Disputationen an. Aufgrund der Forschung haben sich Vermutungen erhärtet, die den Beginn der eigenen wissenschaftlichen Betätigung des Th. in diese Phase datieren. Den theologischen Erstling, die Expositio super Isaiam ad litteram, schrieb der biblische Bakkalaureus wohl gegen Ende seines Aufenthaltes zu Köln. Die knapp gehaltene Auslegung des Textes ergänzte Th. durch Randnotizen, um auf diese Weise den biblischen Text für eine pastorale wie spirituelle Aneignung zu erschließen. In diese Zeit fallen auch die ähnlich aufgebauten Kommentare zu Jeremias und den Klagelieder (Super Ieremiam et Threnos). Als baccalaureus biblicus hatte Th. im cursus biblicus den Text der biblischen Bücher vorzulesen, schwierige Stellen frei wiederzugeben und mehr an der Oberfläche bleibende glossarische Erläuterungen zu formulieren.

Im Gegensatz dazu hatte der Magister in der expositio ordinaria vel magistralis jedes Problem im Text zu erläutern, theologische Fragen zu entwickeln und über die Wahrheit der Schlüsse zu befinden. 1251 oder 1252 fragte Ordensgeneral Johannes von Wildeshausen bei Albert wegen eines geeigneten Kandidaten an, der als Bakkalaureus in Paris lehren könne. Albert schlug seinen Assistenten vor. Das Zögern des Ordensgenerals, diesem Vorschlag zuzustimmen, war im Umstand begründet, daß Th. für diese Aufgabe nach den Statuten mit 27 Jahren um zwei Jahre zu jung war. Der notwendige Dispens wäre normalerweise leicht erfolgt; zu dieser Zeit bestanden aber erhebliche Spannungen mit dem Weltklerus. Auf Drängen Alberts und des Kardinal Hugo von Saint-Cher, dem zweiten dominikanischen Magister in Paris, ernannte Johannes Th. zum Sententiarius. Unter der Verantwortung des Magisters Elias Brunet von Bergerac trat Th. sein neues Amt an. Zwischen 1252 und 1256 las Th. über die Sentenzen des Petrus Lombardus.

Daraus erwuchs der Kommentar zu den vier Büchern der Sentenzen (Scriptum super libros Sententiarum). Bis 1256, als Thomas seine Tätigkeit als Magister aufnahm, war die Redaktion des Werkes noch nicht beendet. Th. kommentierte den Text und formulierte zahlreiche Fragen, in denen bereits sein eigenes Denken aufscheint; inhaltlich behandelte er fast das gesamte Gebiet der Theologie, so daß die Forschung den Sentenzenkommentar als die erste theologische Synthese des Aquinaten betrachtet. Th. verarbeitete zum Teil Vorlesungen Alberts.

Die Sentenzen stellten eine systematische Sammlung von Kirchenvätertexten zu den Hauptinhalten des christlichen Glaubens dar. Ihre Gliederung entsprach dem christlichen Glaubensbekenntnis (Dreifaltigkeit, Schöpfung, Christologie und Tugenden, Sakramente und Letzte Dinge). Daß die Schrift des Lombarden als das verbindliche Unterrichtswerk in der Scholastik herangezogen wurde, lag in der gelungenen Zusammenstellung von biblischen und patristischen Autoritäten begründet; sie entsprach darüber hinaus dem von Abaelard und anderen geforderten scholastischen Rationalismus. Viele Kommentatoren gingen über den Grundlagentext hinaus. Th. war einer derjenigen, die dies am weitgehendsten taten; im Text lassen sich auch Entwicklungen seines Denkens nachvollziehen. In seiner Gliederung folgte er Alexander von Hales und teilte nach dem dionysisch-plotinischen Zyklus von Hervorgang und Rückkehr ein.

Er betrachtete die Gegenstände der Theologie nach ihrer Zuordnung zu Gott: Entweder kommen sie von ihm als ihrem ersten Ursprung oder sie kehren zu ihm als ihrem Endziel zurück. Im Kern sind bereits Hauptelemente des thomanischen Denkens enthalten: die Unterscheidung von esse und Wesen in den Geschöpfen und ihre reale Identität in Gott, die Ablehnung der hylemorphen Zusammensetzung in reinen Geistwesen oder Engeln, die reine Potenzialität der ersten Materie, die Einzigkeit der substantiellen Form in körperlichen Geschöpfen, die Unterscheidung zwischen tätigem und aufnehmendem Verstand im Menschen als dem Vermögen der einzelnen Seele, die durch die Quantität bezeichnete Materie als das einzige Prinzip der Individualisierung, die hypostatische Union der menschlichen Natur in Christus, die Wesensverwandlung des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi, der unendliche Unterschied zwischen dem Bereich der Natur und der Gnade.

Zehn Jahre später wiederholte Th. seine nochmals überarbeitete Kommentierung vor den Studenten der Santa Sabina in Rom. Die neuerdings erforschte alia lectura fratris Th. scheint sich aber nicht auf diese römische Fassung zu beziehen, sondern einen Textbestand aus Pariser Zeit zu umfassen, der für jemanden bestimmt gewesen ist, der Thomas zwar in Rom, aber nicht in Paris gehört hatte. Nach Ptolemäus von Lucca verfaßte Th. in der Zeit, »als er noch nicht Magister war« auch De ente et essentia. In dieser Schrift, entstanden für die »Mitbrüder und Gefährten«, entwickelte Th. sein metaphysisches Denken über das Wesen und seine Beziehung zum Sein. Erläutert werden Begriffe wie ens, natura, essentia, genus, species und differentia. Unverkennbar gibt es Bezüge zum Denken Avicennas. Die große Verbreitung des Werkes spiegelt sich in der mehrfacher Kommentierung durch andere Autoren. Gleichfalls in diese Zeit datiert man die Schrift De principiis naturae, geschrieben für einen Mitbruder namens Sylvester, angelegt als Erläuterung der aristotelischen Physik unter Bezug auf Averroes.

Im Februar 1256 erhielt Th. die licentia docendi. Die beiden Antrittsvorlesungen (Principium »Rigans montes de superioribus« und »Hic est liber mandatorum Dei«) entwickelten sich im Ausgang von Schriftzitaten (gehalten zwischen dem 3. März und dem 17. Juni 1256). Greifbar wird in ihnen der Einfluß von Gedanken des Dionysius Areopagita, der die V ermittlung der Weisheit durch mehrere Stufen realisiert sah. Das zweite principium wurde wahrscheinlich bei der resumptio gehalten, also am ersten Tag der neuen Lehrverpflichtung. Th. empfiehlt die Hl. Schrift mit einem Baruch-Zitat und legte eine Einteilung der biblischen Bücher vor.

Als Magister in Sacra Pagina hatte Th. drei Aufgaben: legere (die Hl. Schrift zu kommentieren), disputare (Fragen zu diskutieren und entscheiden, die der Magister sich selbst stellte, oder von anderen gestellt bekam), und praedicare (Universitätspredigten und andere Predigten zu halten). Lange Zeit wurde von der Forschung die Bedeutung der Bibelkommentierung für die Entwicklung der thomanischen Theologie unterschätzt. Als Kommentator - es ist nicht genau zu erfassen, welche Teile der Hl. Schrift von Th. in diesen Jahren ausgelegt wurden - legte Th. eine spezifische Eigenart an den Tag: Er bevorzugte den Literalsinn, die wörtliche Auslegung innerhalb der Lehre vom vierfachen Schriftsinn, ohne in seinen Evangelienkommentaren die geistliche Auslegung zu vernachlässigen. Im Anschluß an ihn wurden aber zunehmend die Grenzen einer allegorischen Bibelauslegung erkannt. Th. kann als einer der bedeutendsten Exegeten zwischen Hieronymus und Nikolaus von Lyra angesehen werden. Obwohl Th. als Magister tätig war, wurde er aufgrund der Auseinandersetzungen mit dem Säkularklerus der Universität erst am 15.8.1257 in das consortium magistrorum aufgenommen.

Während dieses Paris-Aufenthaltes entstanden zwischen 1256 und 1259 die Quaestiones disputatae de veritate, deren erste der ganzen Sammlung den Namen gegeben hat. Die 29 Fragen enthalten 253 Artikel. Schwerpunktmäßig werden in den ersten zwanzig Fragen das Wahre und die Erkenntnis behandelt, der Rest widmet sich dem Guten und dem Streben nach dem Guten. In den Quaestiones erwies sich Th. als eigenständiger Theologe. In ihrer vorliegenden Form stellt der Text nicht den tatsächlichen Verlauf der Disputation dar, sondern ist das Ergebnis einer redaktionellen Bearbeitung. Einige (z.B. De anima) sind wohl nur in schriftlicher Form in Abwägung des Pro und Contra entstanden und nicht im Hörsaal behandelt worden. In der Entwicklung der Disputation offenbarte die Scholastik ihre intellektuelle Brillanz. Die disputatio konnte in zwei Hauptformen stattfinden: als private (disputatio privata) innerhalb der Schule mit den Studenten des Magisters und seines Bakkalaureus (die vorbeschriebenen Quaestionen dürften solche innerschulische Disputationen darstellen), sowie als öffentliche (disputatio publica vel ordinaria), hier konnten Studenten anderer Schulen und sogar bisweilen andere Magister teilnehmen.

Als sogenannte Quodlibeta gab es diese zweite Form auch zweimal im Jahr als feierliche Veranstaltung. Auch die Quodlibeta VII-XI des Th. fallen in diese erste Pariser Lehrzeit. Von den polemischen Schriften datiert Contra impugnantes Dei cultum et religionem aus dem Jahre 1256. Th. verteidigte hier zum ersten Mal seinen Orden gegen Angriffe Wilhelm von Saint-Amours (De periculis novissimorum temporum). Th. definierte das Ordensleben, lieferte eine Rechtfertigung der Bettelorden im Hinblick auf Predigt, Beichte und Armut, und widerlegte Vorwürfe des Weltklerus. Auch Bonaventura antwortete seitens der Franziskaner auf die Angriffe mit der Schrift De perfectione evangelica. Gleichfalls in diese Zeit fällt vermutlich Super Boetium de Trinitate. Obzwar unvollendet ist diese Schrift in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung. Zum einen ist der Text als Autograph erhalten geblieben, er steht singulär im 13. Jahrhundert für sich und er enthält Überlegungen zur Epistemologie der Wissenschaften, wie sie sich in keinem anderen Werk des Th. in dieser Ausführlichkeit finden. Insbesondere der Frage der menschlichen Gotteserkenntnis räumte Th. besondere Aufmerksamkeit ein. Weshalb Th. andere Autoren kommentierte - der Lehrbetrieb sah in dieser Hinsicht nur die Kommentierung der Hl. Schrift und die Disputation vor - wird unterschiedlich interpretiert. Vermutlich kann man mit Torrell schließen, daß dies ein Zeichen der intellektuellen Regsamkeit des Aquinaten gewesen ist.

Ohne genaue Datierung, jedoch nach 1258 ist ein zweiter Boethius-Kommentar, die Expositio de ebdomadibus anzusetzen. Th. entwickelte hier Fragen zur Metaphysik, etwa zum Problem der Teilhabe. Anfang Juni 1259 begab sich Th. als Regens des Kollegs von Saint-Jacques zum Generalkapitel nach Valenciennes, wo er einer Kommission zur Studienförderung angehörte. Ergebnis der Beratungen war der Beschluß, daß jede Provinz zukünftig eine Schule für die artes liberales mit der Philosophie an der Spitze zu unterhalten hatte. Vor dem Hintergrund solcher Beschlüsse neigte sich die Pariser Zeit für Th. dem Ende zu, denn ein Austausch der Magister war beabsichtigt. Wann Th. sich von Paris zurück nach Italien begab, ist zeitlich nicht genau zu fixieren.

Vermutlich dürfte er Ende 1259/Anfang 1260 in seinen Heimatkonvent nach Neapel gereist sein, um dort bis Herbst 1261 zu leben. Ab September 1261 ist sein Aufenthalt als Konventslektor in Orvieto nachweisbar. In diesen Jahren arbeitete Th. an der Summa contra Gentiles. Begonnen hatte er dieses Werk noch vor seiner Abreise aus Paris. Die ersten 53 Kapitel des ersten Buches lagen im Sommer 1259 vor, in Italien wurden sie ab 1260 durchgesehen und der weitaus größte Teil des Werks bis 1265 verfaßt. Dieses liber de veritate catholicae fidei contra errores infidelium ist wohl kein Missionshandbuch, als das es seit dem 16. Jahrhundert gedeutet wurde; der gelehrte Disput über die Zielsetzung ist bis heute nicht abgeschlossen. Gedacht für Ungläubige, geschrieben für Christen, die mit ihnen in Kontakt treten, so lautet eine Kompromißformulierung (Patfoort, vgl. auch Van Steenberghen).

Das Werk gliedert sich in vier Bücher. Das Nachdenken über die Existenz Gottes im ersten Buch ist wie im Sentenzenkommentar und in der Summa theologiae zunächst vom Weg der Verneinung geprägt: Man kann nicht zu wissen beanspruchen, was Gott ist, nur daß er ist. Solcher Gedankengang geschieht in Anlehnung an Maimonides. Über diesen hinaus gibt Th. die Lehre von der Analogie die Möglichkeit zu weiteren Aussagen über Gott. Das zweite Buch untersucht den Hervorgang der Geschöpfe aus Gott, das dritte Buch behandelt die göttliche Vorsehung, im vierten schließt sich die Erörterung der Trinität an. Als Konventslektor bestritt Th. den Unterricht für diejenigen Mitbrüder, die nicht zu besonderen Studien in den Zentren des Ordens freigestellt wurden.

Nach Ptolemäus von Lucca ist die Expositio super Iob ad litteram in die Zeit in Orvieto zu datieren (1261-1265). Wie im dritten Buch der Summa contra Gentiles handelte Th. hier insbesondere von der Vorsehung, wobei sich die Wahl der Gestalt Hiobs inhaltlich nahelegte. Eine Fülle von Arbeiten ging aus dieser Zeit hervor. Oft handelte es sich um Gelegenheitsarbeiten, wie ein Blick auf die Bandbreite der Themenstellung erschließt: Neben einer Abhandlung über den Wucher (De emptione et venditione ad tempus) finden sich Texte griechischer Kirchenväter (Contra errores Graecorum) oder liturgische Texte (Fronleichnamsoffizium, Adoro te).

An der Jahreswende 1262/63 beauftragte Papst Urban IV. Th. mit der Sammlung exegetischer Zitate der Kirchenväter in Form einer fortlaufenden Kommentierung der Evangelientexte (Glossa continua super Evangelia oder auch Catena aurea). Bis 1264 erstellte Th. die Zitate zu Matthäus, zwischen 1265 und 1268 vollendete er die Sammlung. In seiner Auswahl legte Th. Zeugnis für seine hervorragende patristischen Kenntnisse ab. Über die weitverbreiteten Florilegien hinaus wertete er die Quellen umfassend aus. An den Aufenthalt in Orvieto schlossen sich Jahre in Rom an (1265-1268). Th. wurde dorthin abgeordnet, um ein studium für die Brüder der verschiedenen Klöster der römischen Provinz aufzubauen. In Rom enstand vermutlich 1265 die Disputationssammlung De potentia. Die Fragen 1-6 behandeln die Macht Gottes, 7-10 sind trinitätstheologisch orientiert. In der Sammlung sind wichtige Elemente der thomanischen Schöpfungslehre und der Theologie der göttlichen Herrschaft enthalten. Gleichfalls in Rom dürfte zwischen 1265 und 1266 die Quaestio disputata De anima entstanden sein. Th. entwickelte hier seine Auffassung der Seelenlehre.

Parallel zu diesen Arbeiten begann Th. mit der Abfassung seines wohl bedeutendsten Werkes, der Summa theologiae. Dieses Werk entstand aus der Erkenntnis, daß die vorhandenen Handbücher zur Ausbildung der Dominikaner ein Ungleichgewicht zu ungunsten der Dogmatik aufwiesen, weil sie in erster Linie Moraltheologie und Beichtpastoral vermittelten. Die in Angriff genommene Überarbeitung seines Sentenzenkommentars stellte Th. nach einem Jahr ein, weil sie für den beabsichtigten Zweck wohl nicht ausreichend war. In Rom entstand die Prima Pars; sie zirkulierte in Italien bereits vor der Abreise nach Paris (1268). Die Prima Secundae datiert vom Sommer 1270, die Secunda Secundae entstand vor Dezember 1271; am dritten Teil der Summa arbeitete Th. bis zum 6.12. 1273 (bis III a q. 90 a. 4), das Werk wurde von seinen Schülern auf der Grundlage des Sentenzenkommentars fertiggestellt.

Das Hauptthema der sacra doctrina ist die Vermittlung der Gotteserkenntnis. Zunächst wird deshalb Gott thematisiert (I), daran schließt sich die Bewegung der vernünftigen Geschöpfe hin zu Gott (II), schließlich ist Christus, der durch seine Menschwerdung der Weg zu Gott ist, Gegenstand der Untersuchung (III). In der Forschung wurde intensiv über ein Strukturprinzip der Summa diskutiert. Th. zikuläre Weltsicht bringt im dritten Teil durch die Deutung der Inkarnation die Kontinuität des oben beschriebenen exitus-reditus-Schemas zur Vollendung. Nicht alle Teile des Werks wurden gleich intensiv rezipiert. Der Teil über die spezielle Moral (II-II) fand die weiteste Verbreitung. Th. bewältigte in diesen Jahren ein ungeheures Arbeitspensum. Neben der Formulierung von Quaestionen der Summa stellte er die Catena aurea fertig, auch fertigte er von Ende 1267 bis Sommer 1268 einen Kommentar zur aristotelischen Seelenlehre - der Beginn seiner Aristoteles-Kommentierung (Sentencia libri de anima). Wohl zwischen November 1267 und September 1268 schrieb Th. an der Quaestio disputata De spiritualibus creaturis; er widmete sich in diesem Werk der Frage nach dem geistigen Wesen der Menschen und Engel.

Als sei dies immer noch nicht ausreichend, verfaßte er in Rom vermutlich noch den ersten Teil des Compendium theologiae, eine auf Bitte Reginalds von Piperno leicht faßlich gehaltene Darstellung der Theologie, gegliedert nach den drei göttlichen Tugenden. Seine gutachterliche Tätigkeit fand gleichfalls ihre Fortsetzung (De regno ad regem Cypri). 1268-1272 kehrte Th. zu einem zweiten Aufenthalt als Lehrer nach Paris zurück. Es galt die aristotelische Philosophie zu verteidigen, den averroistischen Monopsychismus zu bekämpfen und den Orden gegen die erneuten scharfen Angriffe des Säkularklerus zu verteidigen. In De perfectione spiritualis vitae, entstanden zwischen 1269 und 1270, griff Th. in den wieder aufgeflammten Mendikantenstreit ein.

Die dort entfaltete Lehre über die christliche Vollkommenheit und das religiöse Leben steht zwischen Contra gentiles und der Summa. Auch seine Bischofstheologie wurde in dieser Schrift weiter entfaltet. Eine ähnliche Zielrichtung wie De perfectione hat Contra doctrinam retrahentium a religione, nach den Schlußworten auch Contra retrahentes betitelt. Sie wirbt im Gegenzug zur »irrigen und gefährlichen Lehre« für den Ordenseintritt und dürfte vor Quodlibet IV (vgl. dort Art. 23), also vor der Fastenzeit 1272 entstanden sein. Auch in universitären Predigten äußerte sich der Aquinate zum Thema. Die Sententia Libri De sensu et sensato mit ihren beiden Kommentartraktaten zu aristotelischen Auffassungen ist gleichfalls eine Frucht dieses zweiten Pariser Aufenthaltes (1269). Die literarische Produktivität des Aquinaten erreichte ihren Höhepunkt. Mit höchster Anstrengung arbeitete er gleichzeitig an zahlreichen Werken - legendär wurde seine Fähigkeit, mehreren Sekretären verschiedene Abhandlungen zur gleichen Zeit in die Feder zu diktieren.

Den Kommentar super Physicam schrieb Th. in dieser ertragreichen Phase seines Lebens (1268/1269). In diesen Jahren entstand auch die für die Forschung noch nicht hinreichend zu klärende Sententia super Metaphysicam. Unvollendet blieben super Meteora (vor 1270), die Sententia libri Politicorum, De caelo et mundo, De generatione et corruptione. Gegen 1271 redigierte Th. De aeternitate mundi, ein kleines Werk, das den philosophischen Beweis des Anfangs der Welt für unmöglich erklärte, und zugleich den Versuch unternahm, Aristoteles für theologisch unbedenklicher zu erklären, als dies manche Zeitgenossen vertraten. In den Streit um den sogenannten Averroismus griff Th. u.a. mit De unitate intellectus contra averroistas ein (wohl 1270).

Die Disputation De malo entstand in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre; veröffentlicht wurden die Fragen 1-15 um 1270, die q. 16 1272. Möglicherweise dozierte Th. diese Quaestionen in Paris während der Schuljahre 1269/70. Alle Fragen kreisen inhaltlich um das Böse: die Ursachen der Sünde, die Erbsünde und ihre Strafe, die Wahlmöglichkeiten und die Freiheit des Menschen (q. 6), die läßliche Sünde wie die Laster, die Frage nach dem Teufel. Die sog. 12 Quaestiones de quolibet entwarf Th. in beiden Pariser Aufenthalten. In 260 verschiedenen Fragen werden eine Fülle von Themen aus der ganzen Breite theologischer Reflektion angegangen. Als Magister vernachlässigte Th. seine eigentliche Aufgabe der Kommentierung der Hl. Schrift keineswegs. 1269-1270 arbeitete er an seiner Lectura super Matthaeum. Eine vollständige Ausgabe des ursprünglichen Textes dieses Kommentars steht bis heute aus (vgl. die Baseler Handschrift UB B.V. 12). Bereits der erste Herausgeber, Bartholomäus von Spina ersetzte 1527 einen Teil der Auslegung zur Bergpredigt durch einen Kommentar des Dominikaners Petrus von Scala (Ende des 13. Jh.s).

Die ältere Forschung datierte diese Vorlesung in die Jahre zwischen 1256 und 1259. Anhand mehrerer Indizien zeigte sich aber, daß sie nicht vor 1269 entstanden sein konnte. Vermutlich zwischen 1270 und 1272 fertigte Th. die umfangreiche Lectura super Ioannem, nach Ausweis der Forschung wohl der beste biblische Kommentar des Aquinaten. Wie zuvor in Italien übernahm Th. neben seinem ohnehin äußerst umfangreichen Arbeitspensum als Magister immer wieder die Beantwortung von Anfragen oder er widmete sich der Klärung strittiger Problemstellungen.

Bisweilen merkt man diesen Gelegenheitsschriften an, daß sie nebenher erstellt wurden. Erstaunlich bleibt die Bandbreite der Themen, zu denen der Aquinate sich äußerte (vgl. z.B. aus diesem Zeitraum De mixtione elementorum; De motu cordis; De operationibus occultis naturae; De iudiciis astrorum; De sortibus; De secreto; Epistola ad ducissam Brabantiae - eine interessante Abhandlung zu spezifischen Fragen der Besteuerung von jüdischen und christlichen Untertanen, gerichtet, wie neuerdings erforscht, an Margerita von Konstantinopel (1245-1278), die Tochter Baldwins I., Herzog von Flandern; De substantiis separatis; Super de causis).

Die Beschäftigung mit Aristoteles hielt an. Ein unvollendet gebliebener Kommentar zu Fragen der aristotelischen Logik, die Expositio libri Peryermeneias, datiert aus der Zeit 1270-1271. Auch die Zweiten Analytiken des Aristoteles kommentierte Th. zwischen 1270 und 1272 (Expositio libri Posteriorum), wobei er zwischenzeitlich auch die Übersetzungen wechselte, die er seinem Kommentar zugrundelegte. 1271-1272 verfaßte Th. seinen Kommentar zur aristotelischen Ethik (Sententia libri Ethicorum). Th. kommentierte in diesem Werk in erster Linie zum eigenen Studium. In Vorbereitung z.B. auf die Abhandlungen in der Summa entwickelte er solchermaßen eine zusammenfassende Darstellung, ohne jedoch eine ausführliche expositio zu liefern, also einen ausführlichen Literalkommentar mit umfassender Auslegung einzelner Punkte.

In diesem Zusammenhang ist auch die vor 1971 nie herausgegebene, aber 1304 in Buchhändlerlisten erwähnte Tabula libri ethicorum zu erwähnen, eine unvollendet gebliebene Inhaltsübersicht über die Nikomachische Ethik u nd den Kommentar des Albertus Magnus. Sie datiert um 1270. Aus 36 Artikeln bestehen die Quaestiones disputatae de virtutibus, einem literarischen Ergebnis der Endphase des zweiten Paris-Aufenthaltes des Aquinaten (1271-1272). In ihnen forschte Th. u.a. nach dem Wesen der Tugenden im allgemeinen, der Liebe, der Hoffnung, der Kardinaltugenden. Im Frühjahr 1272 entstand De unione verbi incarnati, eine Disputation, die eine große inhaltliche Nähe zu STh IIIa q.17.a.2 aufweist, einer Passage, der es gleichfalls um die Einheit des Seins in Christus zu tun ist. Th. verließ Paris im Frühjahr 1272.

Die Universität wurde erneut von heftigen Auseinandersetzungen erschüttert, sie eskalierten in einem Streik. Ein römisches Provinzkapitel betraute Th. mit der Aufgabe, ein neues studium generale an einem Ort seiner Wahl einzurichten. Er entschied sich für Neapel. Die Expositio et Lectura super Epistolas Pauli Apostoli wurde von Th. vermutlich in den letzten Lebensjahren gehalten. Strittig ist es, ob sie der Spätphase der Pariser Zeit oder dem Aufenthalt in Neapel 1272-1273 zuzurechnen ist. Überlieferungsmäßig sind Lücken im Kommentar festzustellen, so ersetzt die Marietti-Ausgabe etwa 1 Kor 7,10 bis Kap. 10 mit einem Text des Peter von Tarantaise. Th. arbeitete intensiv an der Fertigstellung des dritten Teils der Summa theologiae. Die Fragen 27-59 sind als das »Leben Jesu« bekannt geworden. Th. entwickelte in diesen Abschnitten, die sich dem Mysterium des Lebens und Sterbens Christi widmen, vielleicht die reifste Frucht seiner christologischen Überlegungen.

Ebenso wie sein Hauptwerk, die Summa, konnte Th. jedoch auch seine Postilla super Psalmos nicht mehr vollenden (begonnen Sept.-Okt. 1273). In einer reportatio des Reginald von Piperno sind Kommentare zu den ersten 54 Psalmen enthalten. Am 29. September 1273 hatte Th. am Provinzkapitel in Rom teilgenommen. Ab dem 6. Dezember 1273 zeigte er sich sehr verändert. Er wurde krank und mußte sich bei seiner Schwester Theodora auf ihrem Schloß San Severino erholen. Ende des Jahres weilte er wieder in Neapel. Einen Monat später machte er sich auf die Reise zum für den 1. Mai 1274 in Lyon einberufenen Konzil. Ein Unfall und erneute Schwächeanfälle erschwerten das Vorhaben. Th. gelangte mit Mühen bis nach Fossanova, wo er am 7. März 1274 verstarb. Todesursache war wohl die vollständige geistige und zuletzt auch körperliche Erschöpfung, verursacht durch ein über 25jähriges Arbeiten, das noch heute alle Grenzen des Vorstellbaren übersteigt. Die Rezeption der theologischen wie philosophischen Inhalte des thomanischen Denkens verlief wechselhaft.

Entschiedene Befürworter wie Gegner bestimmten die Auseinandersetzungen, die sich an den Tod anschlossen. Aussagen seiner Lehre wurden im Kontext mit Lehrverurteilungen teils indirekt, teils direkt als falsch verworfen (1277). Albertus Magnus reiste nach Paris um das Andenken seines Schülers zu verteidigen. Bald wurde Th. jedoch rehabilitiert; am 18. Juli 1323 sprach ihn Johannes XXII. heilig. Vielfach berief man sich in der Folgezeit auf Aussagen des Aquinaten, um die Überzeugungskraft der eigenen theologischen Argumentation zu erhöhen. Oft geschah dies auf der Grundlage unzureichender Textkenntnis. Th. wurde, wie es sogenannten Klassikern bisweilen geschieht, mehr zitiert denn gelesen.

 

Daß seine Theologie heute erneut wieder großes Interesse findet, ist zum einen dem Eingang seiner Lehren in das kirchliche Denken seit dem 19. Jahrhundert zu verdanken - Th. wurde gleichsam von Leo XIII. und anderen Päpsten zum »offiziellen Theologen« der katholischen Kirche berufen, - zum anderen trug der sogenannte Neuthomismus zur Verankerung seiner Schriften in der theologischen Ausbildung bei.

Dabei entwickelte sich eine produktive Auseinandersetzung mit seinem Werk und zugleich eine Weiterentwicklung seiner Gedanken, die insbesondere zu einer Diskussion des Verhältnisses von Theologie und Philosophie führte. Größe wie Grenzen seiner Theologie, aber auch der ihr folgenden theologischen Auffassungen, wurden erfaßt; die Beschäftigung mit dieser bedeutendsten Frucht mittelalterlichen Denkens ist nach wie vor unabgeschlossen.